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Als verkappter Behinderter auf der Regelschule

Ich sagte im letzten Reblog, dass ich darüber schreiben wollte, dass früher unerkannt Behinderte ganz normal auf Regelschulen waren und dort auch überlebten. Stichwort ist hier tatsächlich „überleben“, denn eine angenehme Erfahrung war dies oft für keinen unmittelbar Betroffenen, einschließlich der Lehrer und Eltern.
Inklusion an der Schule wird oft in Frage gestellt mit dem Argument, dass behinderte Kinder nicht so viel leisten könnten wie normale Kinder, was an sich nicht stimmt. Ein Kind, das sich mit einem Rollstuhl fortbewegt, ist nicht notwendigerweise dadurch auch geistig eingeschränkt. Umgekehrt können auch Lernbehinderte mit der richtigen Förderung viel erreichen. Des weiteren wurde keiner meiner Mitschüler schlechter in Mathe, nur weil ich schlecht in Mathe war.
So können autistische Schüler normalerweise durchaus gute Leistungen in Regelschulen erbringen. Der Beweis sind die zigtausenden unerkannten und als Kind undiagnostizierten Autisten, die ihre Schulzeit an Regelschulen verbrachten, denn Autismus ist eine „unsichtbare“ Behinderung, die teilweise erst im Erwachsenenalter entdeckt wird.

Ich war in meiner Schulzeit diagnostiziert hochbegabt* und undiagnostiziert autistisch, eine „Fun Combo“, wie ich auf Twitter sarkastisch schrieb. Dies hieß, die Erwartungen an mich selbst waren hoch, wenn ich Probleme hatte, wusste keiner, wieso ich diese Probleme hatte, ich war doch sonst so klug. Erst seit ein paar Jahren ist der Autismus diagnostiziert und erst seitdem lerne ich langsam, welche Dinge tatsächlich behinderungsbedingt nicht möglich oder eben sehr anstrengend für mich sind, beziehungsweise was genau damals in bestimmten Situationen eigentlich schief lief.
Nichtsdestotrotz habe ich es geschafft, durch die Grundschule zu kommen, durch drei Gymnasien (wegen regelmäßiger Umzüge), das Abitur mit der damaligen Berliner Durchschnittsnote abzuschließen und inzwischen meinen Bachelor errungen zu haben. Alles ohne Inklusionshilfen wie Assistenz, Förderpläne, zieldifferentes Lernen, Ruheräume, Kopfhörer oder Aufklärung des Lehrkörpers und der Mitschüler über mein So-Sein und meine Probleme. Das Fehlen dieser Hilfen führte bei mir zu einer depressiven Episode inklusive Suizidgedanken und dem Gefühl, die Schule wäre ein Gefängnis. Da das Abitur aber bereits in Sichtweite war (RW), konnte ich mich irgendwie durchhangeln. Danach wurde es dann tatsächlich besser, doch da meine Probleme mit der Organisation nicht wie von mir erwartet mit dem Alter besser wurden, habe ich die Diagnose gesucht, um Hilfe zu erhalten. Diese werde ich nun hoffentlich bald in Form einer Betreuung bekommen. Mein Bachelorabschluss wird also die letzte Bildungsetappe sein, die ich gänzlich ohne spezifische Unterstützung bewältigen musste. Das klingt jetzt sehr so, als ob ich das „trotz“ meines Autismus geschafft hätte, aber das stimmt so nicht. Ich habe eine Schulkarriere geschafft trotz der fehlenden Unterstützung, die ich gebraucht hätte. Ich habe die Schulzeit mit meinem Autismus und meiner Hochbegabung geschafft, denn diese sind Teile von mir.

Meine Schulkarriere hätte von autismusspezifischen Hilfen ziemlich sicher profitiert und meine depressive Episode hätte vielleicht gänzlich vermieden werden können. Ich denke, die Spätdiagnostizierten, die auch auf Regelschulen waren, können mir hier zustimmen. Nicht nur wäre allein schon durch das Wissen für mich vieles einfacher gewesen, ich hätte auch früher lernen können, wo meine Grenzen sind und mich nicht permanent überfordert.

Doch worauf ich hinauswollte: Diese undiagnostizierten Autisten, die die Regelschule überlebt haben, zeigen, dass dies durchaus möglich ist und keiner der „Normalen“ darunter leidet, dass diese Schüler dort sind. Das Potential dieser Menschen wäre auf einer Sonderschule vergeudet worden. Ich bin froh, dass es durch inklusive Beschulung heutigen autistischen Kindern einfacher gemacht wird, ihr Potential zu entfalten und dabei auf sich selbst zu achten.


* Eigentlich ja „überdurchschnittlich intelligent“, denn mein gemessener IQ liegt bei 128 Punkten, zwei Punkte unter einer offiziellen Hochbegabung. IQ-Tests und Autisten sind allerdings nochmal ein anderes Thema.

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Wahlfreiheit?

Früher gingen behinderte Kinder auch ganz normal auf Regelschulen – dies waren die Undiagnostizierten. Darüber werde ich mal separat was bloggen.

Elodiylacurious

Ein Argument, was mir in einer heutigen Diskussion über Inklusion unterkam; Die Wahlfreiheit der Eltern. Diese sollen selbst entscheiden dürfen, ob ihr behindertes Kind eine Förderschule oder eine Regelschule besucht. Ein Argument, was man durchaus öfters hört.

Mal abgesehen davon dass ich mich immer wieder frage, wo diese Wahlfreiheit in der UN-BRK festgeschrieben ist (denn auch das taucht immer Mal gerne auf), worin besteht diese Wahl denn nun tatsächlich?

Ich habe das Gefühl, dass es aktuell eine Wahl zwischen Pest und Cholera ist.

Wählen die Eltern für ihr Kind die Förderschule, müssen sie damit rechnen, dass ihr Kind höchstwahrscheinlich keinen Abschluss machen wird. Wie insgesamt 80% der Förderschulabgänger. Es ist höchstwahrscheinlich, dass das Kind nach der Förderschule in einer Behindertenwerkstatt arbeiten wird. Von den dort beschäftigten (die unter Mindestlohn bezahlt werden), schafft es ebenfalls noch ein Bruchteil in den ersten Arbeitsmarkt. Sprich, im Fördersystem haben wir eine gewaltige Wahrscheinlichkeit dafür…

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Die Bedeutung von Regeln

NTs haben so große Schwierigkeiten, sich auf die Bedürfnisse anderer einzustellen, es ist erschreckend! Diese armen Wesen, so schwer normalismusbehindert ._.

Elodiylacurious

Gestern kam es mir so vor, als würde ich eine der elementarsten Alltagsfähigkeiten verlieren. Die Fähigkeit, in einem Supermarkt einkaufen zu gehen. Elementar deshalb, weil daran meine ganze Lebensmittelversorgung hängt. Mag sein, dass einige Ketten jetzt auch Lebensmittel liefern. Doch ich wohne da in keinem der Liefergebiete.

Was aber ist passiert?

Ich gehe Lebensmittel immer im selben Supermarkt einkaufen. Ein kleiner, welcher von meiner Wohnung her fußläufig zu erreichen ist. Für mich, die weder Auto noch Führerschein besitzt, ist das auch so ziemlich die einzige Möglichkeit, einkaufen zu gehen.

Nur verhalten sich in letzter Zeit die Kassierer immer unberechenbarer.

Im September wollte ich ein Sixpack Cola holen. Keine meiner Standardeinkäufe. Ich habe nur immer kleine 0,5er Flaschen Cola zu Hause, als Mittel gegen plötzliche Kreislaufprobleme. Die Sofabesetzerin trank diese nun aber fleißig weg, also musste ein 1,5er Sixpack her. Mir ging es an dem Tag so schon nicht gut. Routiniert…

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Es gibt kein richtiges ABA im falschen Weltbild

Gerade geht auf Twitter wieder die Diskussion, wie ABA nicht gut ist und die Gegenseite sagt wieder mehr oder weniger anerkennend, dass ABA tatsächlich Mist ist, aber ohne Strafen geht es ja noch und ugh….

Eigentlich ja schon etwas beleidigend, dass den ABA-Kritikern regelmäßig so flach gegenargumentiert wird. Da will man mal tiefschürfende Dialoge haben und dann kommt nur die Verteidigung, „na, es ist ja ohne Strafen“ *. Das ist nicht die Kritik.

Beziehungsweise ist es Teil der Kritik, aber es geht viel tiefer. Wir Autisten (und die Eltern natürlich), die ABA ablehnen, finden das dahinterliegende Weltbild unfassbar zynisch und verletzend. Denn ABA geht, in jeder präsentierten Form, davon aus, dass der Autist mit seinem So-Sein gleich schon mal irgend etwas falsch macht. Er kommuniziert nicht korrekt, sie fühlt nicht korrekt, er reagiert nicht korrekt.

Das ist natürlich, wenn man Autisten kennt oder eine Autistin ist, totaler Blödsinn. Denn Autisten haben ja lediglich eine andere Wahrnehmung. Ihr Filter im Gehirn funktioniert nicht oder anders als bei NTs und daher reagieren sie auch anders auf diese Umwelt als andere. Sie kommunizieren sprachlich sehr direkt, oder, wenn non-verbal, auch mit Gesten und Zeichen. Sie zeigen ihre Gefühle anders als andere.

Es ist die Realität der menschlichen Vielfalt, die ja nicht bei den Körperformen aufhört, bei den Fingerabdrücken oder bei der Haarfarbe, sondern eben auch die Psychologie und Neurologie eines Menschen umfasst.

Das So-Sein einer Autistin setzt die Umwelt, die sich darauf nicht einstellen möchte oder kann, unter Druck. Dieser Druck wird abgebaut, indem der Autist und sein So-Sein als das „Problem“ definiert werden und dann wird dieses Problem „gelöst“ durch Anpassen des Autisten an die Umwelt. Das ist das Versprechen von ABA und vieler anderer ähnlicher Therapieformen dieser Art. Die Strafen rauszunehmen, ändert nichts an diesem grundsätzlichen Problem.

Und da Kinder nicht dumm sind, auch autistische Kinder nicht, merken diese natürlich, dass sie sich in einer ganz bestimmten Art und Weise zu verhalten haben, um Zuwendung zu bekommen. Sie merken, dass ihr So-Sein anscheinend ein großes Problem ist, für das sie sich zu schämen haben und das sie besser verstecken, wenn sie die Liebe ihrer Bezugspersonen möchten. Sie lernen, dass sie nicht akzeptierbar sind, wie sie sind*, sondern dass sie eine liebenswürdige Fassade aufbauen müssen. Diese Fassade wird sie bis in ihre Erwachsenenzeit hinein seelisch unfassbar stark belasten. Nicht umsonst bekommen einige mit ABA therapierte Autisten im Erwachsenenalter dann die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörungen.

Und daher ist das Weltbild von ABA so gefährlich und inakzeptabel, auch wenn eine spezifische Auslegung davon „keine Strafen“ austeilt.


*Wenn wir davon ausgehen, dass „ohne Strafen“ wirklich ohne jegliche Strafen meint. Normalerweise handelt es sich dann um psychologische Strafen (Liebesentzug, Vorenthalten von Spielzeug) und es fehlen lediglich körperliche Strafen (Elektroschocks wie im Judge Rotenberg Center oder heftige Prügel, wie Lovaas, der Erfinder von ABA, sie durchführte), womit das Argument schon von vornherein entwertet wird.

*Der Leitgedanke von Inklusion ist „jeder ist willkommen, genau so, wie er oder sie ist“, ein Weltbild, das mit Therapien wie ABA unvereinbar ist.

 

Behindert … aber nicht behindert genug

Wer als „low-functioning“ eingeteilt wird, dem werden seine Fähigkeiten ignoriert, wer als „high-functioning“ angesehen wird, bei dem werden die Probleme ignoriert.

Elodiylacurious

Seit Ende August ist es offiziell; Ich bin behindert.

Nachdem ich im Januar nach langem hin und her endlich den Antrag auf „Festellung des Grads der Behinderung“ gestellt habe (es gab aus bestimmten Gründen Verzögerungen) kam dann endlich der Feststellungsbescheid.

Grad der Behinderung: 30 aufgrund einer Verhaltensstörung.

Moment? Verhaltensstörung?

Ja. Wir haben das Jahr 2017 und manch ein Versorgungsamt hat es scheinbar immer noch nicht begriffen, dass Autismus mitnichten eine Verhaltensstörung ist. Wenn dann bitte tiefgreifende Entwicklungsstörung. Wenn mein Verhalten gestört ist, dann liegt das eher an einer der Verdachtsdiagnosen, mit denen ich hier herum laufe. Nicht an meinem Autismus! Mal ganz abgesehen davon, dass es auch ziemlich fies ist einer Person, die versucht sich zu kontrollieren wo sie nur kann, an den Kopf zu knallen, dass ihr Verhalten gestört ist.

Und die 30. Leider ein Grad, der Autisten scheinbar zu gerne einfach Mal erteilt wird. Egal, wie stark die…

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Liebe Versorgungsämter…

Mein persönlicher Verlauf: Diagnose, angedacht 50 GdB -> Versorgungsamt ignoriert den Befund, zieht sich 30 GdB ausm Arsch -> Widerspruch -> abgelehnt, „geh doch klagen“. Nach dem Umzug probiere ich es dann nochmal, war jetzt das Versorgungsamt Sachsen.

Gedankenkarrussel

… ist euch eigentlich klar, was ihr mit den Menschen macht, wenn ihr sie mit GdB 30 abspeist, obwohl eigentlich klar ist, dass den Leuten mehr zusteht?
Einerseits denke ich, dass es doch gar nicht möglich ist, dass jemandem das so überhaupt gar nicht klar ist – andererseits würde ich mir wünschen, dass es euch nicht klar ist, denn ansonsten würde als Schluss nur noch übrig bleiben, dass euch Menschen vollkommen egal sind.

Ich finde es komplett daneben, dass ständig alles abgelehnt oder nur in geringem Umfang bewilligt wird in der Hoffnung, dass die meisten sich schon nicht wehren (können).

Ich habe schon beim Antrag und noch ausführlicher beim Widerspruch begründet, worin die Einschränkungen bestehen und wie diese zu den Kriterien in den Versorgungsmedizinischen Grundsätzen passen; auch habe ich meine Aussagen mit Verweisen auf die entsprechenden Stellen in Arztbriefen belegt. Allerdings frage ich mich irgendwie, ob das Schreiben überhaupt gelesen…

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Das muss ihr Kind noch (ertragen) lernen

„Kann ihr Kind nicht mal weniger eine Behinderung haben? Das ist ja echt störend, wenn man sich auf jemanden einstellen muss.“

Autismus - Keep calm and carry on

Nein – beziehungsweise in seinem eigenen Tempo.

Es gibt immer wieder Menschen, die mit meinen Kindern arbeiten, die versuchen durch „Provokation“ sie auf gewissen Ebenen weiter zu bringen.
Zum Teil überschreiten sie hierbei massiv ihre Grenzen.

Immer mal wieder geraten wir an „Fach“leute, die schon mit vielen verschiedenen autistischen Kindern gearbeitet haben und die ihre Erfahrungen aus den anderen Fällen auf unsere Kinder übertragen möchten.

Nur funktioniert das maximal zu 50%.

Denn, kennst Du einen Autisten kennst Du genau einen Autisten.
Ein Satz, der nicht oft genug wiederholt werden kann.

Nun habe ich ja vier AutistInnen. Was bei dem einen Kind funktioniert, hilft bei dem anderen Kind nicht nur nicht sondern verkehrt sich ins Gegenteil.

Seien es Entspannungsübungen oder die Art, wie der Rückzug aus belastenden Situationen aussieht.
Sei es die Herangehensweise wie man problematische Situationen aufdröselt oder wie man den Arbeitsplatz organisiert.
Wie löst man be- bzw…

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