Es gibt kein richtiges ABA im falschen Weltbild

Gerade geht auf Twitter wieder die Diskussion, wie ABA nicht gut ist und die Gegenseite sagt wieder mehr oder weniger anerkennend, dass ABA tatsächlich Mist ist, aber ohne Strafen geht es ja noch und ugh….

Eigentlich ja schon etwas beleidigend, dass den ABA-Kritikern regelmäßig so flach gegenargumentiert wird. Da will man mal tiefschürfende Dialoge haben und dann kommt nur die Verteidigung, „na, es ist ja ohne Strafen“ *. Das ist nicht die Kritik.

Beziehungsweise ist es Teil der Kritik, aber es geht viel tiefer. Wir Autisten (und die Eltern natürlich), die ABA ablehnen, finden das dahinterliegende Weltbild unfassbar zynisch und verletzend. Denn ABA geht, in jeder präsentierten Form, davon aus, dass der Autist mit seinem So-Sein gleich schon mal irgend etwas falsch macht. Er kommuniziert nicht korrekt, sie fühlt nicht korrekt, er reagiert nicht korrekt.

Das ist natürlich, wenn man Autisten kennt oder eine Autistin ist, totaler Blödsinn. Denn Autisten haben ja lediglich eine andere Wahrnehmung. Ihr Filter im Gehirn funktioniert nicht oder anders als bei NTs und daher reagieren sie auch anders auf diese Umwelt als andere. Sie kommunizieren sprachlich sehr direkt, oder, wenn non-verbal, auch mit Gesten und Zeichen. Sie zeigen ihre Gefühle anders als andere.

Es ist die Realität der menschlichen Vielfalt, die ja nicht bei den Körperformen aufhört, bei den Fingerabdrücken oder bei der Haarfarbe, sondern eben auch die Psychologie und Neurologie eines Menschen umfasst.

Das So-Sein einer Autistin setzt die Umwelt, die sich darauf nicht einstellen möchte oder kann, unter Druck. Dieser Druck wird abgebaut, indem der Autist und sein So-Sein als das „Problem“ definiert werden und dann wird dieses Problem „gelöst“ durch Anpassen des Autisten an die Umwelt. Das ist das Versprechen von ABA und vieler anderer ähnlicher Therapieformen dieser Art. Die Strafen rauszunehmen, ändert nichts an diesem grundsätzlichen Problem.

Und da Kinder nicht dumm sind, auch autistische Kinder nicht, merken diese natürlich, dass sie sich in einer ganz bestimmten Art und Weise zu verhalten haben, um Zuwendung zu bekommen. Sie merken, dass ihr So-Sein anscheinend ein großes Problem ist, für das sie sich zu schämen haben und das sie besser verstecken, wenn sie die Liebe ihrer Bezugspersonen möchten. Sie lernen, dass sie nicht akzeptierbar sind, wie sie sind*, sondern dass sie eine liebenswürdige Fassade aufbauen müssen. Diese Fassade wird sie bis in ihre Erwachsenenzeit hinein seelisch unfassbar stark belasten. Nicht umsonst bekommen einige mit ABA therapierte Autisten im Erwachsenenalter dann die Diagnose Posttraumatische Belastungsstörungen.

Und daher ist das Weltbild von ABA so gefährlich und inakzeptabel, auch wenn eine spezifische Auslegung davon „keine Strafen“ austeilt.


*Wenn wir davon ausgehen, dass „ohne Strafen“ wirklich ohne jegliche Strafen meint. Normalerweise handelt es sich dann um psychologische Strafen (Liebesentzug, Vorenthalten von Spielzeug) und es fehlen lediglich körperliche Strafen (Elektroschocks wie im Judge Rotenberg Center oder heftige Prügel, wie Lovaas, der Erfinder von ABA, sie durchführte), womit das Argument schon von vornherein entwertet wird.

*Der Leitgedanke von Inklusion ist „jeder ist willkommen, genau so, wie er oder sie ist“, ein Weltbild, das mit Therapien wie ABA unvereinbar ist.

 

Ein Kommentar zu „Es gibt kein richtiges ABA im falschen Weltbild

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